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Kastanien vom Pilz befallen: Frühe Sommerhitze färbt Blätter
braun
Für viele Bäume ist schon Herbst
Von Jürgen Walburg
Innenstadt. Der Sommer beginnt laut Kalender erst in fünf Tagen, doch für viele Bäume in der
Stadt ist er schon jetzt vorbei: Ihr Blätterkleid schockt mit tristen braunen Herbsttönen. Und die
ersten Blätter fallen sogar schon ab - als wenn uns der November bevorstünde und nicht der
Juli. Vor allem Kastanien sind von diesem ökologischen Desaster betroffen (im Günthersburg-
und Grüneburgpark, an zahlreichen Straßen im Stadtgebiet). Statt nach der üppigen Blütezeit
jetzt prächtige grüne Blätter zu tragen, hängen dürre braune Dinger an den Ästen.
Schuld an dem unansehnlichen Erscheinungsbild sind Pilze, die dem saftigen Grün gefräßig
zu Leibe rücken. Städtische Gartenexperten haben deren zerstörerisches Tun zwar auch in den
vergangenen Jahren beobachtet aber noch nie so früh wie in diesem Jahr. 1999 hätten die Pilze
erst Ende Juli/Anfang August die Blätter braun gefärbt.
Hauptgrund für den frühen Herbst unserer Bäume sind die ungewöhnlich hohen Temperaturen
in den vergangenen Wochen. Sie haben nicht nur Blüten, Blätter und Früchte viel schneller als
sonst wachsen lassen, sondern auch die negativen Folgen von allzu großer Hitze und
Trockenheit beschleunigt. Dazu gehört der frühzeitige Pilzbefall der durch die lange Trockenheit
geschwächten Blätter.
Und doch können allzu besorgte Bürger aufatmen: Nur dann, wenn der gesamte Baum -
inklusive des Stamms - von Pilzen befallen ist, muss das Gehölz gefällt werden. Ansonsten
gilt: Wenn die Bäume im nächsten Jahr neu treiben, stehen sie auch wieder in gesundem Grün
- vorausgesetzt, die Pilze können nicht im Laub überwintern.
Dazu ist es erforderlich, dass das gesamte Laub von den Bäumen entfernt und entsorgt wird.
Privatpersonen können dies über den Hausmüll tun. Und sie können noch etwas zur
Gesundheit ihrer pilzbefallenen Kastanien beitragen: Von der Krone her mit einem Fungizid
spritzen oder den Stamm damit gießen. Das Grünflächenamt hält das nicht für unbedingt
erforderlich und unternimmt daher in seinem Zuständigkeitsbereich nichts gegen den Pilz, der
in der frühen Sommerhitze auflebte wie noch nie.
Autoabgase und die trockene Stadtluft insgesamt tragen natürlich dazu bei, dass die
Kastanien im Stadtgebiet schlechtere Bedingungen vorfinden als in ländlichen Regionen. Vor
allem den Straßenbäumen macht das schwer zu schaffen. Die etwa 30 Meter hoch werdenden
Gehölze sind in Frankfurt laut jüngster Zählaktion mit 3652 Exemplaren vertreten und nehmen
damit die fünfte Stelle ein (nach Platane, Linde, Ahorn und Robinie). Insgesamt gibt es 34 137
Straßenbäume. In der Stadt erreichen zum Beispiel Kastanien in der Regel nur etwa ein
Dreiviertel des Alters der Bäume in der Natur: Dort werden sie durchschnittlich 120 Jahre alt, in
der Stadt nur 70 bis 90 Jahre.
Das äußere Erscheinungsbild der Bäume sagt oft wenig über ihren Gesundheitszustand aus.
Und so reagieren Bürger immer wieder mit Unverständnis und Empörung, wenn die Stadt ihrer
Ansicht nach gesunde Bäume fällen lässt. Doch ein Baum kann trotz eines üppigen grünen
Blätterkleides unheilbar krank sein. Und das gilt zum Glück auch umgekehrt: Die in diesen
Tagen bräunlich-krank aussehenden Kastanien sind im Kern durchaus gesund.
Übrigens sorgt nicht nur extreme Hitze und Trockenheit für das vorzeitige Braunwerden der
Blätter, sondern auch das Gegenteil: zu große Nässe und Kälte. Auch dann werfen die Bäume
ihre Blätter früher ab als in normalen Jahren. Aber: Wann war das Wetter in jüngster Zeit
eigentlich "normal"?
© Frankfurter Neue Presse, 2000